Hilfsmittel bei Inkontinenz

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Hilfsmittel bei Inkontinenz: Blasenschwäche und Stuhlinkontinenz wirksam angehen

Vor wenigen Jahren noch gehörte die Inkontinenz zum Spektrum der großen Tabuthemen. Mittlerweile aber sprechen Apothekenzeitschriften, Magazinsendungen und selbst Illustrierte die Beschwerden offen an. Gut so, denn Aufklärung ist allemal ein besserer Ratgeber als Scham. Spezielle Inkontinenzhilfsmittel unterstützen zudem die Betroffenen beim Umgang mit dem Problem. Das Angebot reicht von aufsaugenden bis zu ableitenden Inkontinenzprodukten. Wir stellen Ihnen die einzelnen Hilfsmittel vor und geben wie immer wertvolle Tipps.

Diagnose Inkontinenz © Doc Rabe Media, stock.adobe.com
Diagnose Inkontinenz © Doc Rabe Media, stock.adobe.com

Mindestens jeder zehnte Bundesbürger ist betroffen

Es gibt einen Grund, warum es überwiegend Senior*innen trifft. Wenn im fortgeschrittenen Alter die Muskulatur nachlässt, kann auch die Blase nach und nach ihre natürliche Stütze verlieren: die Beckenbodenmuskulatur. Sie steuert die Schließmuskeln der Harnblase und des Anus und sichert damit die Kontinenz. Für die Kontrolle beim Wasserlassen und beim Stuhlgang ist eine starke Beckenbodenmuskulatur also enorm wichtig.

Tipp: Übergewicht, Haltungsfehler, chronische körperliche Überlastung, Operationen im kleinen Becken und Medikamente können den Beckenboden ebenfalls schwächen. Bei Frauen sind vaginale Geburten ein zusätzlicher Risikofaktor. Ein gezieltes Beckenbodentraining kann helfen. Fragen Sie Ihren Arzt, Ihre Ärztin.

In den seltensten Fällen ist Inkontinenz die eigentliche Erkrankung. Meistens handelt es sich um ein Symptom einer Erkrankung – wie beispielsweise die Entzündung der unteren Harnwege oder eine gutartige Prostatavergrößerung. Wird der Patient geheilt, verschwinden auch die Beschwerden. Bei neurologischen Störungen (z.B. Demenzerkrankung) und Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes mellitus) ist dies oftmals nicht möglich. Geeignete Hilfsmittel bei Inkontinenz können jedoch für Linderung und damit wieder für ein unbeschwerteres Leben sorgen.

Im nächsten Absatz stellen wir die große Bandbreite an angebotenen Inkontinenzhilfsmitteln vor. Egal, für welchen Personenkreis sie gedacht sind, alle Inkontinenzprodukte

  • sollten einfach zu handhaben sein
  • dürfen Gerüche nicht nach außen dringen lassen
  • müssen die Haut schonen
  • sollten gut sitzen und nicht rascheln
  • dürfen sich unter der Kleidung nicht abzeichnen.

Für jede Situation das richtige Hilfsmittel bei Inkontinenz

Das EINE richtige Inkontinenzhilfsmittel gibt es nicht. Es spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle. Daher sollte sich die Entscheidung nach der Schwere der Inkontinenz und der jeweiligen Alltagssituation richten.

Tipp: Legen Sie sich ein ganzes Sortiment an infrage kommenden Inkontinenzprodukten zu. Für den Gang in die Stadt oder den Kaffeetreff am Nachmittag sind Tragekomfort und Geruchsverschluss besonders wichtig. Nachts dagegen steht eine große Saugfähigkeit im Vordergrund.

Unterschieden werden vier Gruppen von Hilfsmitteln bei Inkontinenz: aufsaugende, funktionelle und ableitende Hilfsmittel sowie Toilettenhilfen.

1. Gruppe: Aufsaugende Hilfsmittel bei Inkontinenz

Von allen Inkontinenzhilfsmitteln ist das saugstarke Material am weitesten verbreitet. Dazu gehören

  • Inkontinenzeinlagen, die wie eine Monatsbinde einfach in den Slip gelegt werden,
  • Inkontinenzvorlagen, die ebenfalls eingelegt werden, nur etwas anders geschnitten sind,
  • Inkontinenzwindeln, die noch saugfähiger sind und daher bei stärkerer Inkontinenz zum Einsatz kommen und
  • Inkontinenzhosen, die wie normale Unterwäsche angezogen werden.
Inkontinenzwindel © fotoduets, stock.adobe.com
Inkontinenzwindel © fotoduets, stock.adobe.com

Allen gemeinsam ist der „Superabsorber“ genannte Flüssigkeitsbinder. Er kann viel Nässe aufsaugen und den Urin kurzum in ein sich trocken anfühlendes Gel verwandeln. Detaillierte
Informationen zu den saugstarken Helfern vermittelt unser gesonderter Beitrag Aufsaugende Hilfsmittel bei Inkontinenz.

2. Gruppe: Funktionelle Inkontinenzhilfsmittel

Eine schwache Beckenbodenmuskulatur kann dazu führen, dass die Betroffenen ihren Harndrang zwar noch spüren, den Urin jedoch nicht mehr lange genug einhalten können. Auch durch Operationen oder Unterleibserkrankungen ist die Harnröhre oder der Blasenschließmuskel manchmal in der Funktion eingeschränkt. Bei Frauen kommt noch die Möglichkeit einer Gebärmutterabsenkung durch Schwangerschaft hinzu. Um die Anatomie zu unterstützen, wird für die Belastungsinkontinenz eine Reihe funktioneller Hilfsmittel angeboten:

Männer bringen das mechanische Hilfsmittel am Penisschaft an. Bei leichter bis mittelschwerer Inkontinenz unterbindet ein Penisbändchen den ungewollten Harnverlust. Ein schmales Klettband übt durch einen kleinen Ballon einen leichten Druck auf die Harnröhre aus und verschließt sie dadurch. Eine Penisklemme, eingesetzt bei mittelschwerer bis starker Inkontinenz, funktioniert ähnlich. Allerdings drückt hier statt des Ballons ein flexibler Kunststoffring auf die Harnröhre.

Frauen können ein Ringpessar in die Vagina einführen. Ist der Spreizmechanismus aktiviert, entsteht ein leichter Druck, der zur Hebung des Harnleiters führt und damit den Winkel der Blase verändert. Harnröhrenstöpsel (Plugs) sind kleine, mit Gel gefüllte Ballons, die mit einem dünnen Schlauch appliziert werden. Die sich ausdehnende Gelmasse dichtet die Harnröhre quasi ab und kann nicht herausfallen. Die Ringpessare aus Silikon können 4 Wochen getragen und nach dem Reinigen wiederverwendet werden. Harnröhren-Plugs sind Einweg-Artikel, die zum Wasserlassen zu entfernen sind.

Tipp: Frauen können das Anspannen der Beckenbodenmuskulatur mit Scheidengewichten trainieren. Die kleinen Gewichte werden wie ein Tampon in die Vagina eingeführt und müssen zurückgehalten werden. Nach einigen Monaten soll das Training zum Erfolg führen.

Bei Stuhlinkontinenz kann auf Hilfsmittel für das Rektum zurückgegriffen werden. Analtampons bestehen aus dermatologisch unbedenklichem Schaumstoff. Mikroporen wirken wie Saugnäpfe und verschließen den Anus. Der Ballon eines Analstöpsels dichtet den After vollständig ab. Analplugs und Analtampons können gereinigt und mehrfach verwendet werden.

3. Gruppe: Mobile Toilettenhilfen

Bei Schwierigkeiten, die „normale“ Toilette zu nutzen oder aufzusuchen, können Betroffene sogenannte Toilettenhilfen einsetzen. Viele dieser Hilfsmittel ermöglichen die Nutzung ohne fremde Hilfe und wahren damit die eigene Intimsphäre. Andere erhöhen den Komfort bei der Körperreinigung oder helfen bei Bewegungseinschränkungen.
Mobile Toilettenhilfen eignen sich insbesondere für Personen, die alleine keine Toilette aufsuchen können:

  • Ein Toilettenstuhl sieht ähnlich aus wie ein herkömmlicher Stuhl. Allerdings ist der Sitzbereich offen, damit die Ausscheidungen in einem Eimer aufgefangen werden können. Der Vorteil gegenüber einer Bettpfanne liegt in der aufrechten Haltung des Sitzenden. Für die Nutzung eines Toilettenstuhls darf die Kontrolle über die Blasen- und Darmfunktion nicht fehlen.
  • Eine Bettpfanne ist vorzuziehen, wenn ein Risiko zu stürzen die Nutzung eines Toilettenstuhls nicht erlaubt. Steckbecken, Stechbecken und Schieber sind weitere Namen für dieses Hilfsmittel, das vor allem in Krankenhäusern eingesetzt wird.
  • Urinflaschen fangen den Urin auf. Anatomisch bedingt sind sie für Frauen und Männer unterschiedlich geformt. Urinenten ermöglichen das Wasserlassen im Stehen, Sitzen und Liegen. Ursprünglich nur in der Krankenpflege verwendet, sind sie mittlerweile auch gefragte Hilfsmittel bei längeren Autofahrten und beim Camping.
Hinweis: Zum Schutz von Matratzen bei der Körperhygiene bzw. der Nutzung von Bettpfannen und Urinflaschen empfiehlt der GKV-Spitzenverband saugende Bettschutzeinlagen zur Wiederverwendung (Produktgruppe 51). Inkontinenz-Einmalhandschuhe (Produktgruppe 54) halten gefährliche Keime fern und schützen damit den Betroffenen oder die Pflegeperson.

Ist das WC nur zu unbequem, kann es zum Beispiel mit einer Toilettensitzerhöhung, einem Toilettensitz-Lift, Toiletten-Armstützen oder einem weichen Brillenbezug ergänzt werden. Für die Reinigung des Intimbereichs werden WC-Aufsätze mit Wascheinrichtung (Warmwasserdusche und Warmlufttrocknung) angeboten – als Toiletten-Unterdusche auch tragbare Version.

4. Gruppe: Ableitende Hilfsmittel bei Inkontinenz

Bei vollständigem Kontrollverlust über den Harndrang muss der Urin abgeleitet werden. Harnableitende Inkontinenzhilfsmittel werden entweder außen am Körper getragen oder in den Körper eingeführt. Die gebräuchlichsten Hilfsmittel sind:

  • Katheter: Ein dünner Silikonschlauch wird durch die Harnröhre in die Blase geleitet, um den Urin in einen Auffangbeutel abzuleiten. Die häufigste Gebrauchsform sind Einmalkatheter, die von der inkontinenten Person selbst gesetzt und nach dem Gebrauch sofort entfernt und entsorgt werden. Dauerkatheter, auch Ballonkatheter, verbleiben längerfristig im Harnapparat. Sie ermöglichen, die Blasenentleerung bettlägeriger Personen von außen zu steuern.
  • Urinbeutel: An den Katheter wird ein Sammelbehälter für den abgeleiteten Urin angeschlossen und mit einer Manschette am Körper, meist um Hüfte, Unter- oder Oberschenkel, getragen (Beinbeutel). Mithilfe eines Ablasshahns wird der Urin-Auffangbeutel in die Toilette entleert. Die größeren Bettbeutel werden über eine Halterung an der Liegestatt befestigt. Sie helfen Betroffenen, die ganztägig ans Bett gebunden sind.
  • Kondom-Urinal: Ähnlich wie bei einem Katheter wir der Urin auch beim kondomartigen Überzieher über ein Schlauchende in einen Beinbeutel abgeleitet. Urinalkondome eignen sich für Männer mit einem mittleren bis starken Urinverlust.

Kostenübernahme durch die Krankenkassen

Im Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbands ist den Inkontinenzhilfen die Produktgruppe 15 zugewiesen. Damit ist nicht die Pflegekasse, sondern die Krankenkasse für die Erstattung zuständig. Die Kostenübernahme erfolgt nur mit ärztlichem Attest – und folgenden Informationen:

Krankenkasse © Doc Rabe Media, stock.adobe.com
Kostenübernahme durch die Krankenkassen © Doc Rabe Media, stock.adobe.com
  • Diagnose einer zumindest mittleren Inkontinenz
  • medizinische Notwendigkeit und voraussichtlicher Behandlungszeitraum
  • Produktgruppe, Anwendungsbereich und Produktuntergruppe im Hilfsmittelverzeichnis
  • monatlicher Bedarf des Inkontinenzmaterials

Das Rezept dient als Vorlage bei einer Apotheke oder einem Sanitätshaus. Die Zuzahlung des Versicherten beträgt wie üblich 10 Prozent, maximal jedoch 10 Euro pro Monat.

Hinweis: Fragen Sie auf jeden Fall bei Ihrer Krankenkasse nach, ob das von Ihnen ausgewählte Sanitätshaus dort gelistet ist. Es könnte sein, dass sie den Zuschuss sonst verweigert.

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