Wohnen für Hilfe

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Eigentlich ist die Sache so einfach, dass man sich fragt, warum nicht schon viel früher jemand auf die Idee gekommen ist:

Die einen haben viel Platz zum Wohnen, aber nicht mehr die Kraft, sich um Haus und Garten zu kümmern und die anderen sind jung und fit, suchen händeringend ein Dach über dem Kopf, haben aber nicht viel Geld, um dieses zu bezahlen. Was liegt da näher als sich zusammen zu tun?

Seit fast zwanzig Jahren gibt es das Projekt „Wohnen für Hilfe“ und es hat sich bestens bewährt. Gerlinde S. war eine der ersten, die davon Gebrauch machte. Damals war sie 72. Von ihren Eltern hatte sie ein Haus mit großem Garten am Stadtrand von München geerbt. Als ihr Mann starb und ihre Kinder ausgezogen waren, fühlte sie sich einsam. Hinzu kam, dass sie an einer schmerzhaften Rheumaerkrankung litt. Aber sie konnte sich nur schwer vorstellen, in ein Altenheim umzusiedeln. Eine Nachbarin machte sie damals auf das Projekt „Wohnen für Hilfe“ aufmerksam. Und Gerlinde ist ihr heute noch dankbar dafür.

Hilfe beim Einkaufen © highwaystarz, fotolia.com
Hilfe beim Einkaufen © highwaystarz, fotolia.com

Wohnen für Hilfe bedeutet: Junge Leute mit geringem Einkommen wohnen zur Untermiete bei älteren Leuten. Doch bezahlt wird nicht mit klingender Münze, sondern mit Muskelkraft. Für jeden Quadratmeter Wohnraum müssen die Mieter eine Stunde im Monat tatkräftige Unterstützung im Alltag bieten: Schneeschippen Rasenmähen, Putzen, Einkaufen, Fahrdienste usw. Pflegerische Tätigkeiten fallen allerdings nicht darunter. In teuren Universitätsstädten wie München sind es meistens StudentInnen, die an diesem Projekt Interesse haben. „Mein erster Mieter war ein Informatikstudent aus Ghana“, erinnert sich Gerlinde. „Er hat mir jeden Samstag eine gelbe Rose geschenkt, weil in meinem Garten nur rote blühen. Und er konnte wunderbar chauffieren. Mit ihm wäre ich bis ans Ende der Welt gefahren.“

Fast zwei Jahre blieb der Student bei Gerlinde. Dann bekam er eine Stelle in Berlin. Immer wenn er wieder in München ist, besucht er Gerlinde und lädt sie zum Essen in ein feines Lokal ein. Seither hat Gerlinde viele Studentinnen und Studenten beherbergt. Doch an ihren ersten Mieter erinnert sie sich besonders gern. Ärger gab es in all den Jahren nie. Dafür sorgen schon die Vermittler, die dieses Projekt betreuen. Mieter und Vermieter müssen einen ausführlichen Fragebogen ausfüllen, um sicherzustellen, dass beide Partner harmonieren. Dann zieht der Mieter zunächst probeweise bei dem Vermieter ein. Gerlinde musste sich noch nie vorzeitig von ihren Mietern trennen. „Es hat immer alles gepasst“, sagt die rüstige Dame, die inzwischen 91 Jahre alt ist. „Ich halte dieses Modell für die beste Möglichkeit, um lange jung zu bleiben.“

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Vertrauen und Toleranz

Zurzeit wohnt die Veterinärstudentin Anke aus Westfalen bei ihr. „Ich könnte die irren Mieten in München nie zahlen“, sagt die zierliche 23-Jährige. „Wenn ich nicht dieses Modell kennengelernt hätte, wäre ich wieder zurück in meine Heimat gezogen.“ Für Gerlinde tut Anke mehr als sie eigentlich müsste. „Sie erinnert mich an meine Großmutter, die schon vor Jahren leider gestorben ist“, sagt sie. „Wir verstehen uns prächtig.“

Vor einem halben Jahr kam es zwischen ihr und Gerlinde dann doch zu einer Auseinandersetzung. Die dauerte allerdings nicht lange. Anke brachte eines Abends einen älteren Hund mit, der aus der Tierklinik nicht mehr abgeholt wurde. Gerlinde schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Doch noch bevor Anke ihre Koffer packen konnte, hatte sie es sich anders überlegt. „Das Tier hat mir leid getan“, sagt Gerlinde und streichelt den schwarzen Rüden, der zu ihren Füßen liegt. „Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste und macht überhaupt keine Probleme. Wenn Anke nicht da ist, bin ich nicht allein. Ich kann es mir ohne ihn kaum noch vorstellen.“

Das Konzept „Wohnen für Hilfe“ wurde 1992 von der Fachhochschule Darmstadt entwickelt. Inzwischen gibt es das Projekt auch in anderen europäischen Ländern. Doch nicht immer klappt die Alt-Jung-WG so gut wie bei Gerlinde. Wer sich darauf einlässt, muss neugierig und vor allem tolerant sein. Ältere Menschen neigen aber mitunter dazu, die jüngeren Leute zu bevormunden. Umgekehrt muss der Untermieter bereit sein, Rücksicht zu nehmen. Hinzu kommt, dass viele SeniorInnen sich fürchten, fremde Menschen in ihre Wohnung zu lassen. Auch deshalb übersteigt die Nachfrage das Angebot an verfügbarem Wohnraum. Vertrauen auf beiden Seiten ist eine wichtige Voraussetzung, damit diese Wohnform gelingen kann.

Weitere Informationen und Kontaktadressen finden Sie unter den folgenden Links:

Hinweis: „Wohnen für Hilfe“ richtet sich an SeniorInnen, die ein Haus oder eine Eigentumswohnung besitzen. Sind Sie selbst Mieter, brauchen Sie die Einwilligung Ihres Vermieters, wenn Sie ein Zimmer untervermieten wollen!

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