Bürgerschaftliches Engagement

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Bürgerschaftliches Engagement: Senioren machen mit: von Ehrenamt bis Protestaktion.

Etwas für andere Menschen tun kann eine große Erfüllung sein. Studien haben ergeben, dass sich etwa ein Drittel der Deutschen freiwillig zur Förderung des Gemeinwohls engagiert. Was wir als Ehrenamt, Selbsthilfe, politische Teilhabe und freiwillige soziale Arbeit kennen, wird gemeinhin unter dem Fachbegriff Bürgerschaftliches Engagement zusammengefasst. Die Ziele sind immer die Stärkung des Zusammenhalts und die Verbesserung von Problemlagen in unserer Gesellschaft.

Senioren helfen sich beim Computerkurs ©  Robert Kneschke, stock.adobe.com
Regelmäßige Besprechungen gehören häufig dazu © Robert Kneschke, stock.adobe.com

Dieser Beitrag zeigt die Hauptmotive auf, sich bürgerschaftlich zu engagieren. Speziell ältere Menschen erfahren, welche Möglichkeiten sich ihnen bieten. Viele sind bereits seit Langem freiwillig aktiv, denn sie wissen: Jede neue Herausforderung regt die Gehirnzellen an. Beim bürgerschaftlichen Engagement halten neben der Kommunikation bei den regelmäßigen Treffen auch das Pläneschmieden und Sammeln von Erfahrungen geistig mobil.

Kennzeichen, Motive und Aktivität der über 60-Jährigen

2002 beschäftigte sich der Deutsche Bundestag eingehend mit der „Zukunft des bürgerlichen Engagements“ und definierte diese Aktivität als 1. freiwillig, 2. nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet, 3. bezogen auf das Gemeinwohl, 4. öffentlich und 5. gemeinschaftlich. Dass dies keineswegs selbstlos sein muss, belegen die in einer Umfrage* ermittelten Erfahrungen der Engagierten: Danach haben die meisten, nämlich 69 Prozent, durch ihre Mitarbeit viele nette Leute kennengelernt, 56 Prozent fühlen sich für ihr Engagement zudem geschätzt und anerkannt. Besonderen Respekt im Freundes- und Verwandtenkreis ernten 40 Prozent der Engagierten; einen Mangel an Anerkennung und Wertschätzung beklagen nur 8 Prozent.

Nach den Motiven gefragt, gaben 73 Prozent der Engagierten an, die Freude an der ehrenamtlichen Aktivität stehe für sie im Vordergrund. Etwa gleichgewichtig sind der Wunsch, anderen zu helfen und der nach wechselseitigem Austausch (86 und 82 Prozent).

Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen Aktivität und Lebensphase. Hier sind die Ergebnisse für die über 60-Jährigen: Bis zum Alter von 75 Jahren sind Senior*innen bürgerschaftlich besonders engagiert. Ihr bevorzugter Bereich ist die Kultur, ihr Einsatzbereich beispielsweise Chöre oder Theatergruppen. Ein vergleichsweise großer Anteil arbeitet zudem im Gesundheits- und Sozialbereich mit. In der Lebensphase über 75 Jahre verringert sich der Anteil der Aktiven deutlich. Viele sind alleinstehend und möchten sich nicht mehr zu zeitintensiven Aufgaben verpflichten oder können gesundheitlich nicht mehr mithalten. Wer noch dabei ist, beteiligt sich vor allem in den Bereichen Kirche und Soziales/Gesundheit.

*Quelle: Motive des bürgerlichen Engagements. Befragung i.A. des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013

Ehrenamt als Klassiker

Streng genommen ist das Ehrenamt kein Teil des bürgerschaftlichen Engagements. Der Unterschied: Ehrenamtliche Tätigkeiten können auch von der öffentlichen Hand vergeben werden. Die Begriffe fließen jedoch häufig ineinander und der Oberbegriff Freiwilliges Engagement wird selten benutzt. Mobil-bleiben.de schließt sich dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat an und fasst beide Bereiche zusammen. Schließlich sind die allermeisten bürgerlich Engagierten zugleich ehrenamtlich tätig.

Soziales Engagement: Senioren helfen Senioren © halfpoint, stock.adobe.com
Soziales Engagement: Senioren helfen Senioren © halfpoint, stock.adobe.com
Hinweis: Ehrenamtliche Helfer im Auftrag von Bund, Ländern, Städten, Gemeinden oder in Rettungsorganisationen oder in der freien Wohlfahrtspflege (nicht: in Sportvereinen!) sind während ihrer Arbeit gesetzlich unfallversichert. Gemeinnützige Organisationen oder Fördervereine können für den Vorstand und den Kassenwart eine freiwillige gesetzliche Unfallversicherung abschließen.

Tausende Aufgaben warten auf Ehrenamtler. Hausaufgabenbetreuung, Gassigehen, Fahrdienste und Vorbereitung des Gottesdienstes sind nur einige Beispiele. Menschen im Ruhestand erklären sich besonders gerne zu dieser freiwilligen, unentgeltlich geleisteten Arbeit bereit. Da die Rente oder Pension den Lebensunterhalt sichert, können sie sich ganz und gar auf den Spaß an der Sache konzentrieren. Doch wie finden Senior*innen das passende Ehrenamt?

  1. 1. Schritt: Überlegen, was mit dem Engagement erreicht werden soll. Z.B. Möchte ich Neues lernen oder meine bisherigen Erfahrungen einbringen? Für welche Personengruppe möchte ich mich einsetzen? Wo möchte ich aktiv werden? Wie viel Zeit möchte ich aufwenden? Eine gute Hilfe ist der Engagement-Finder der Aktion Mensch.
  2. 2. Schritt: Sich an eine Anlaufstelle wenden. Auch hier empfiehlt sich die Website der Aktion Mensch: „Finde dein Ehrenamt“ führt zu zahlreichen Engagements in der Nähe oder von zuhause aus. Ähnliche Ehrenamtsbörsen finden Engagierte bei den jeweiligen Wohlfahrtsverbänden, Kirchengemeinden, Kommunalverwaltungen etc. Freiwilligenagenturen bzw. Freiwilligenzentren beraten und vermitteln übergreifend. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) organisiert die Netzwerke auf Bundesebene. Lohnenswerte Anlaufstellen vor Ort sind Stadtteilbüros, Begegnungszentren, Seniorenbüros, das Schwarze Brett im Seniorenheim, Selbsthilfezentren und Mehrgenerationenhäuser.
Hinweis: Im Juni 2020 wurde in Neustrelitz die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt gegründet. Sie möchte das Engagement von etwa 30 Millionen Menschen sichtbarer machen, ihre Interessen vertreten und für mehr Anerkennung sorgen. Und dies vor allem in ländlichen Bereichen.

Orte bürgerschaftlichen Engagements

Bürgerschaftliches Engagement hat viele Ausdrucksformen. Sie reichen von einfachen Mitglied­schaften über die Mitarbeit in gemeinwohlorientierten Organisationen, direkt-demokratische Bürgerbeteiligungen und Protestaktionen bis hin zu finanzieller Unterstützung. Die meisten Freiwilligen engagieren sich in Vereinen (46 Prozent), gefolgt von religiösen Einrichtungen (14 Prozent) und Bürgerinitiativen (13 Prozent). (Quelle: Für eine Kultur der Mitverantwortung. Erster Engagementbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2012) Mobil-bleiben.de zeigt die Unterschiede auf und regt zum Mitmachen an.

Vereine

Senioren beim Yoga © WavebreakMediaMicro, stock.adobe.com
Vereine sind die erste Anlaufstelle für den Breitensport © WavebreakMediaMicro, stock.adobe.com

Der Begriff Verein ist sehr weit gefasst. In rechtlicher Hinsicht gehören auch Interessensverbände, Wirtschafts- oder Wohlfahrtsverbände, technische Vereine wie der TÜV und sogar manche Parteien dazu. Typische Vereine konzentrieren sich auf gemeinsame Interessen und dienen mehr dem Austausch ihrer Mitglieder als dem Allgemeinwohl. Sportvereine, Hobbyvereine, Sammlervereine, Traditionsvereine, Musikvereine sind beispielsweise solche Selbstzweck-Vereine. Daneben stehen einerseits die Selbst- und Fremdhilfe-Vereine, die sich die Unterstützung Hilfsbedürftiger zur Aufgabe machen, und andererseits die ideellen Vereine, die z. B. gemeinnützige oder weltanschauliche Ziele verfolgen.

Hinweis: Zur dritten Gruppe gehört z.B. der nicht eingetragene Verein Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE). Das Ziel des Zusammenschlusses aus Institutionen und Organisationen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Arbeitsleben, aus Staat, Politik, Medien und Wissenschaft ist, Freiwilligenarbeit, Selbsthilfe und Ehrenamt einen höheren Stellenwert in Staat und Gesellschaft zu verleihen.

Für die Suche nach einem Sportverein einfach mal auf den Seiten des Stadtsportbunds stöbern. Ein Zusammenschluss einzelner Vereine in Verbänden ist häufig. Bekannte Beispiele sind der Deutsche Alpenverein, der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW). Auch das Studieren der Anzeigen in der Lokalpresse kann erfolgreich sein.

Tipp: Sie möchten die Sache von der anderen Seite angehen und selbst als Übungsleiter agieren? Neben Bildungszentren sind Vereine dafür die beste Adresse. Sie freuen sich über jedes Engagement.

Kirchen und religiöse Gemeinschaften

Religiöse Einrichtungen bezeichnen die ehrenamtliche Tätigkeit normalerweise nicht als bürgerschaftliches, sondern als freiwilliges oder soziales Engagement. Die Ziele sind jedoch die gleichen: Mitwirkende zu finden, die zum Wohl der Allgemeinheit beitragen und ihre eigenen Begabungen einsetzen möchten.

Das Ehrenamt gehörte immer schon zum Portfolio kirchlicher Aufgaben. Schließlich basiert die christliche Lehre auf Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Heute ist die Kirche mehr denn je auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Dass diese Mitarbeit Freude macht und Sinn stiftet, dass es überaus erfüllend ist, Glaube, Liebe und Hoffnung in der Gemeinschaft lebendig werden zu lassen, belegt die große Zahl der freiwillig Engagierten. In der evangelischen und römisch-katholischen Kirche sind es jeweils rund eine Million. Hinzu kommt das ehrenamtliche Engagement in Einrichtungen der Diakonie und der Caritas. Der Frauenanteil ist mit ca. 70 Prozent besonders hoch.

Ein Bibelkreis trägt zum Verstehen der heiligen Schrift bei © AntonioDiaz, stock.adobe.com
Ein Bibelkreis trägt zum Verstehen der heiligen Schrift bei © AntonioDiaz, stock.adobe.com

Zum Spektrum zählen nicht nur das Reinigen des Kirchenraums und der liturgischen Geräte, sondern beispielsweise auch die Leitung der Chorgruppe oder eines Bibelkreises, die Begleitung bei Besuchen in der Gemeinde und die Mitgestaltung bei festlichen Anlässen. Oft erhalten die Freiwilligen eine Aufwandsentschädigung.

Bürgerinitiativen

Im Unterschied zu den beiden vorgenannten Orten bürgerschaftlichen Engagements sind Bürgerinitiativen meistens politisch ausgerichtet. Im Unterschied zu politischen Parteien beschränken sie sich auf ein einziges Sachproblem. Die basisdemokratischen Bürgerinitiativen organisieren und koordinieren die Maßnahmen, die zum Erreichen des Ziels erforderlich sind. Dazu zählen Unterschriftendsammlungen, Demonstrationen, Petitionen und Bürgerbegehren.

Immer mehr Ältere gehen zusammen mit der Jugend auf die Straße © Mattis Kaminer, stock.adobe.com
Immer mehr Ältere gehen zusammen mit der Jugend auf die Straße © Mattis Kaminer, stock.adobe.com

Sich im Rahmen einer Bürgerinitiative zu engagieren, bedeutet Herausforderung und Erfüllung zugleich. Wie lohnend ist es doch, sich FÜR bessere Umweltbedingungen, mehr Bildungsstätten oder den Bau eines Kinderspielplatzes einzusetzen! Oder GEGEN den Bau überdimensionierter Warenlager von steuerzahlungsunwilligen Großversendern, die Vernichtung von Dörfern für den Braunkohletagebau oder schlichtweg die leeren Versprechungen der Regierenden! Jedem mündigen Bürger fallen an dieser Stelle zig weitere Beispiele ein.

Politischer Protest ist zum Glück ein Grundrecht. Unsere Demokratie braucht Menschen jeden Alters, die dafür kämpfen. Ansonsten versinken wir in Lobbypolitik und laufen Gefahr, zum Spielball undemokratischer Kräfte zu werden. Organisationen wie campact!, OXFAM und Greenpeace sind perfekte erste Anlaufstellen für alle, die sich politisch engagieren möchten.

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